Vier Kaisers

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Yvonne

Freitag, 13.07.2007, 15:18

13 Kommentare

Finnley ist 8 Monate, 2 Wochen alt

4 Jahre, 2 Monate bis zu Jaspers Geburt

Melancholie

Gestern als ich mich mit dem 8er Stöckchen befasst habe, googelte ich nach meiner Au-Pair-Mutter und fand etliche Einträge. Es ist schon ewig her, dass ich mal nach Ihr im Internet gesucht hatte und da gab es nur 2 oder 3 Treffer ohne Foto. Da ich schon dabei war, googelte ich auch gleich nach der jüngeren Tochter, die damals schon ein Teenie war und nach dem Sohn, auf den ich damals aufpasste. Als ich die Familie verließ, brach auch der Kontakt ab. Meine Bilder im Kopf sind noch die von vor 17 Jahren. Es war schon komisch zu sehen, dass die Tochter inzwischen Schauspielerin ist und der Sohn an einem Projekt teilnimmt. In meinem Kopf war das Mädchen eine Rotzgöre, die mitten in der Pubertät steckte und der Sohn ein knapp drei Jahre alter Teufelsbraten.

Als ich wieder nach Deutschland kam stand für mich fest, dass ich keine Kinder mehr möchte. Ich war zu desillusioniert von meiner Zeit in Paris. Inzwischen tut mir mein Au-Pair-Kind unendlich Leid. Ich war als 19jährige viel zu überfordert mit einem Kind, das keine Grenzen kannte und zu seinen Eltern aus Zeitmangel kein vertrauensvolles liebevolles Verhältnis aufbauen konnte. Jedes Jahr kam ein neues junges Mädchen und damit verschwand auch jedes Jahr aufs Neue die Bezugsperson für den kleinen Kerl. Damals wollte ich schon meine Zelte nach kurzer Zeit wieder abbrechen und nach Hause fahren, weil ich es kaum aushielt mit dem kleinen Racker. Er wurde gerade 3 Jahre alt als ich dort ankam. Ich würde heute vieles ganz anders machen. Ich wüsste gern, wie er heute so ist.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie der Vater kurz vor Weihnachten mit einem blauen Müllsack in das Zimmer von dem Kleinen ging und fast das gesamt Spielzeug einsammelte. Er brachte es in den großen Müllcontainer im Keller. Der Kleine beobachtete das Geschehen relativ unbeeindruckt. Denn Papa sagte nur „Weihnachten gibt's was Neues”. Mein Einwand, warum er die Sachen nicht abgeben würde, damit ärmere Kinder etwas davon bekommen könnten, wiegelte er damit ab, dass das doch eh alles nicht mehr toll sei. Mein Herz ging mir in dem Moment auf, in dem der Sohn zum zweiten (!) Mal die Kabel der Steuerelemente von der Carrerabahn abschnitt, weil er mit dem Teil noch gar nichts anzufangen wusste. Ich kommentierte das ganz trocken mit „macht nichts, Weihnachten gibt's ne Neue”.

Einmal sind wir mit der Segelyacht vom Vater rausgefahren und der kleine Sohn nervte alle mit einem ständigen „ich will schwimmen”-Gebrüll. Das Wetter war schon nicht mehr so toll, die ältere der beiden Töchter schwamm wieder an Land und der Vater verlor seine Brille, nach der getaucht wurde. Alle waren genervt und das Kind brüllte seinen Willen unablässig heraus. Also schnappte der Vater sich den Lütten und fragte „Du willst schwimmen?”. „Ja!” antwortete er. Einen Augenblick später fand er sich im Wasser wieder. Als der Kopf auftauchte brüllte der Kleine schon.

Wenn ich mir jetzt meinen kleinen Sohn anschaue, tut mir mein Au-Pair-Kind noch viel mehr Leid als zu der Zeit, in der ich nur ahnen konnte, wie traurig dieses Kind im Herzen gewesen sein muss. Wäre ich reifer gewesen, hätte ich ihm helfen können. Jetzt kann ich es nur besser machen, indem ich meinem Kind zeige, wie sehr ich es liebe und dass es immer zu mir kommen kann, egal womit.

Diese Gedanken machen mich irgendwie ganz melancholisch. Ist das normal, dass nach einer postnatalen (oder vielleicht doch eher postmenstrualen) Depression die Melancholie kommt??? Dann hoffen wir jetzt mal auf Sonne am Wochenende und Sonne im Gemüt. Das kann man ja so nicht lassen :-)

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Kommentare
Kommentar von June am 13.07.07 um 19:48 Uhr

hui das liest sich ja schauderhaft!

lass dich *umärmeln* und dir sagen, dass du dem kind nicht hättest helfen können...leider! aber ich denke, dass das kind durch das ständige "sich trennen müssen" und "kein intaktes elternhaus zu haben" dich vermutlich auch nicht wirklich rangelassen hätte in der zeit in der du da warst!

ich kann die melancholie gut verstehen, aber alte sachen sollte man irgendwann ruhen lassen...

;-)

antworten
Kommentar von Yvonne am 13.07.07 um 21:55 Uhr

Danke liebe June. Ich habe ewig gebraucht bis ich die Schuld nicht mehr bei dem Kind gesehen habe. Das kann ich jetzt als Mutter schon gar nicht mehr nachvollziehen. Dafür habe ich aber auch ein richtig schlechtes Gewissen. Allerdings war die Zeit in Paris auch mit eine der aufregendsten in meinem Leben. Ich möchte keine Minute davon missen. Irgendwann werde ich mal wieder dort sein und vielleicht einfach mal bei der Familie klingeln.

antworten
Kommentar von June am 13.07.07 um 22:00 Uhr

vielleicht machst du das...um einen abschluss zu finden, manchmal braucht man das einfach!

aber du hast aus der sache doch was tolles mitgenommen...du weißt genau, wie du es NICHT haben willst und wo die prioritäten in der beziehung zu deinem kind liegen...

lass es dir nicht allzu schwer auf der seele liegen, wie schon gesagt, mancher ballast muss einfach irgendwann abgeworfen werden!!!

antworten
Kommentar von June am 13.07.07 um 22:00 Uhr

bitte werfen sie

J

E

T

Z

Z

;-)

antworten
Kommentar von June am 13.07.07 um 22:01 Uhr

-Z

+T

meine herren, june benötigt das we arg dringend!

antworten
Kommentar von Yvonne am 13.07.07 um 22:11 Uhr

Uff, das war schwer :-)

antworten
Kommentar von Anne am 13.07.07 um 22:25 Uhr

oh, da bekommt man ja Gänsehaut beim Lesen! Ja, der arme kleine Kerl...

Aber weißt Du, Du warst immerhin erst 19! Und dann war es auch nicht das eigene Kind... und er war offensichtlich schon vorgeprägt. Geh nicht so hart mit Dir ins Gericht! (Ich meine, dass Du damals schon mächtig viel Verantwortung übernommen hattest. Im Gegensatz zu manch anderem!) Lass Dich von der Vergangenheit nicht so runterziehen; freu Dich an Deinem kleinen Sonnenschein! Und nutze tatsächlich die Möglichkeit, es besser, anders zu machen ;-)

antworten
Kommentar von June am 13.07.07 um 22:26 Uhr

und schon sind sie mindestens 10 kilo leichter!!!!

jetzt noch so nen urschrei...dann ist die sache perfekt!

antworten
Kommentar von Yvonne am 13.07.07 um 22:35 Uhr

Oh, das mit den 10 Kilo wäre phantastisch :-) Aber mental ist auch schon schön!

Das Schreiben darüber hat mich schon ganz schön erleichtert. Euer Zuspruch tut sein Übriges und ich erfreue mich in der Tat andauernd an unserem kleinen Sonnenschein liebe Anne. Jetzt sogar noch mehr :-)

antworten
Kommentar von Rosa am 13.07.07 um 22:42 Uhr

Zuerst möcht ich Dich auch mal drücken. Melancholische Gedanken müssen sein, das ist wichtig, damit Du auch den "sauberen Hals" wieder genießen kannst.

Auf solch traurige Erinnerungen zu schreiben "Ich kenn das", kann leicht lapidar wirken, tatsächlich hat es mich aber an ein Geschwisterpärchen erinnert, dem ich mit Anfang 20 mal Nachhilfeunterricht gegeben habe. Sie war ca. 15, er ca. 10. Die Mutter wollte artige unauffällige Kinder und lief selbst total nuttig rum. Sie hat mir die Erlaubnis gegeben, die Kinder ruhig zu schlagen, wenn sie nicht spuren. Meine Leistung bestand darin, dem Mädchen heimlich Aufklärungsunterricht zu geben und ihr wenigstens die Pille zu verschaffen. Dem Jungen habe ich versucht zu erklären, dass das Dritte Reich nicht wirklich die Lösung aller Lösungen war. Abends hab ich geheult. Und vor ein paar Jahren hab ich dann von über die Ecken Bekannten gehört, dass das Mädel seit Jahren anschaffen geht, und der Junge wohl in einer Prügelei gestorben sein soll. Ich hab lange gedacht, dass ich damals gerne mehr bewirkt hätte. Aber Du schreibst es selber, bei Dir wechselten Jahr für Jahr die AuPairs, ich war halt in dieser Familie nur zwei Stunden in der Woche. Ich bin ganz sicher, dass wir beide unser Bestes gegeben haben.

Nun hör ich aber auf, weil dies ist ja Dein Traurig-Thread, nicht meiner.

Aber immerhin liest es sich hier immer spannend :-)

antworten
Kommentar von Yvonne am 13.07.07 um 23:04 Uhr

Mensch Rosa, das ist ja furchtbar! Fühl Dich gleich mal zurück gedrückt :-)

Und jetzt sind die Hälse wieder rein, morgen ist Sommer und die Vergangenheit lassen wir ruhen. Ich wünsche Euch allen ein tolles Wochenende :-)

antworten
Kommentar von Leanders Mami am 14.07.07 um 22:34 Uhr

Ich hab hierzu auch noch was beizutragen. Ich habe vor 12 Jahren auch Au-Pair in Frankreich gemacht - ich rate nur jedem davon ab. Denn die Gesellschaftsschicht, die sich dort ein Au-Pair "hält" (so jedenfalls kam es mir vor) gehören einer anderen Epoche an. Meine drei Lütten siezten ihre Eltern damals sogar noch. Als die Drei endlich soweit Zutrauen zu mir gefasst hatten, dass sie sich bei mir auch mal ankuschelten (ein völlig normales Bedürfnis von Kindern, finde ich!) sagte meine Gastmutter zu mir, sie wollte dies nicht, da sie verhindern wollte, dass die Kinder zu viel emotionale Nähe erlernten. WAAAAAAS? Ich hatte oft das GEfühl, dass die Kinder mehr Ausstellungsstücke ihrer Eltern waren, als Wesen, die man lieben muss, damit sie sich gut entwickeln.

Das war schon ein ziemlich trauriges Kapitel für mich, worüber ich eigentlich noch Stunden schreiben könnte, weil mir beim Schreiben dieser wenigen Zeilen so viel an Erinnerung hochkommt. Puh!

Ich habe jedenfalls hinterher jedem abgeraten, in Frankreich Au Pair zu machen, denn meine Erfahrungen deckten sich mit anderen Mädchen, die ebenfall ihr Jahr dort gemacht hatten.

Und ich sollte anmerken: Frankreich ist für mich das schönste Land, das ich kenne.

antworten
Kommentar von Yvonne am 14.07.07 um 23:35 Uhr

Ich habe auch einiges bei den anderen Famlien erlebt. In meiner Au-Pair-Familie haben sich zum Glück alle Familienmitglieder geduzt. Die Mutter ist eine herzensgute und bodenständige Frau. Der Vater war/ist allerdings schon ziemlich abgehoben und seine Frau siezte sich tatsächlich mit ihren Schwiegereltern. Ihre Schwiegermutter hatte ein Dienstmädchen, nach dem sie die ganze Zeit brüllte. Ganz gruselig. Wie Du schon schreibst: Eine andere Epoche...

In Frankreich läuft die ganze Erziehung der Kinder anders. Die Mütter gehen schnell wieder arbeiten (wehe nicht, da läuft es genau anders rum als bei uns) und die Kinder werden ganz früh fremdbetreut. Ich bin froh, dass immer einer von uns für Finnley (die ersten Jahre) den ganzen Tag da sein kann.

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